TY - THES T1 - Fibromyalgie, Untergruppen und der kommunikative Aspekt chronischer Schmerzen A1 - Bernardy,Kathrin Y1 - 2006/08/24 N2 - Einleitung: Leitsymptome der Fibromyalgie (FM) sind lokalisierbare Schmerzen an den sog. "tender points" sowie Ganzkörperschmerzen. Zusätzlich klagen die Patienten über eine Vielzahl anderer Symptome. Bei der Erforschung der Ätiologie dieser Erkrankung wurde deutlich, dass die aufgefundenen pathogenetischen Einflussfaktoren unterschiedlich zu gewichten sind; auch zeigen psychologische und psychobiologische Studien häufig inkonsistente Befunde. Dies unter-streicht die Notwendigkeit der Subgruppendifferenzierung. Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Untersuchung von Subgruppen des Fibromyalgie-Syndroms unter besonderer Beachtung interaktioneller und emotionaler Aspekte. Methodik: Zur Subgruppenbildung wurden die Ausprägungen einer konsekutiven Stichprobe von 35 stationären FM-Patientinnen in verschiedenen Selbstratinginstrumenten (BDI, IIP-D, PSKB, SOMS, CSQ, BFKE) sowie in den OPD-Achsen Konflikt und Struktur und im mimisch-affektiven Verhalten (EMFACS) verwandt. Grundlage für die Mimikkodierung war ein vide-ographiertes OPD-Interview. Das mimisch-affektive Verhalten wurde kodiert, wenn die Patien-tinnen über ihre Beschwerden und Schmerzen sprachen. Als statistische Verfahren kamen Clusteranalysen zum Einsatz, zur Untersuchung des Einflusses der verwandten Variablen auf die Clusterzugehörigkeit wurden logistische Regressionen verwandt. Als Kontrollgruppe dienten die Daten von 20 gesunden Frauen. Ergebnisse: Die Clusteranalysen führten zu einer 3-Cluster-Lösung: Subgruppe 1 (Cluster 1, N: 11): Die Patientinnen schildern im Gruppenvergleich die höchsten Werte im beruflichen und privaten Stress, in den interpersonalen Problemen, im Leistungsan-spruch, im Katastrophisieren sowie in den Depressionen und Ängsten. Ihr mimisch-affektives Verhalten ist durch die höchsten Werte in negativen Affekten (v.a. Ekel und Verachtung) in und außerhalb des Blickkontaktes dominiert, Leitaffekt im Blickkontakt ist Ekel. Die Patientinnen aus Subgruppe 1 zeigen die meisten Abweichungen im Vergleich zu den gesunden Frauen. Prognostiziert werden kann diese Cluster-Zugehörigkeit durch viele Affekte im Blickkontakt (insbesondere durch starken Ekel) sowie durch negative Affekte und deutliche Ängste. Subgruppe 2 (Cluster 2, N: 6): Die Patientinnen schildern die niedrigsten Werte in der Schmerzstärke, der Gesamtbeeinträchtigung, im Katastrophisieren, im Stress, in den ärztlichen Behandlungen sowie die niedrigste Dauer der Arbeitsunfähigkeit und die geringste Häufigkeit eines Rentenwunsches. Im mimischen Verhalten zeigen sie in und außerhalb des Blickkontaktes am häufigsten Freude, dieser Affekt ist auch Leitaffekt. Insgesamt weisen ihre Merkmalsausprä-gungen und auch ihr mimisch-affektives Verhalten die größte Nähe zu den gesunden Frauen auf. Prognostiziert werden kann diese Zugehörigkeit durch viel Freude im Blickkontakt und durch eine niedrige Gesamtbeeinträchtigung. Subgruppe 3 (Cluster 3, N: 18): Die Patientinnen schildern die höchsten Werte in der Schmerz-stärke und der Gesamtbeeinträchtigung sowie die höchste Häufigkeit eines Rentenwunsches (80% der Patientinnen). Dominiert wird ihr mimisches Verhalten durch einen sehr hohen Wert an sozialem Lächeln sowie durch eine Reduktion von Affekten im Blickkontakt. Prognostiziert werden kann diese Cluster-Zugehörigkeit durch das Fehlen von Affekten im Blickkontakt sowie durch einen vorhandenen Rentenwunsch. Schlussfolgerung: Die Selbstbeschreibungen der Patientinnen aus Subgruppe 1 weisen auf er-hebliche Belastungen im privaten und krankheitsbezogenen Bereich hin. Während ihrer Schmerzklage vermitteln sie einen starken Leidensdruck, zum anderen implantieren sie affektiv Distanzwünsche und Entwertungen in die Beziehung. Es ist zu erwarten, dass diese Art der Schmerzklage zu erheblichen Schwierigkeiten in den Arzt-Patienten Beziehungen führt. Psycho-therapeutisch scheinen für die FM-Subgruppe vor allem psychodynamisch-interaktionelle Ver-fahren indiziert zu sein. Subgruppe 2 ist durch die geringste Ausprägung psychopathologischer Faktoren und Beeinträch-tigungen gekennzeichnet. Ihr mimisch-affektives Verhalten ist durch eine hohe Beziehungsstabi-lisierung und eine große Nähe zum gesunden Verhalten gekennzeichnet. Psychotherapeutisch scheinen vor allem Schmerzbewältigungsprogramme indiziert zu sein. Subgruppe 3 ist durch Selbstbeschreibungen gekennzeichnet, welche auf hohe krankheitsbezo-gene, aber nur geringe psychische Belastungen hinweisen. Auffällig wird vor allem ihr Wunsch nach Rückzug vom Erwerbsleben. Ihr mimisch-affektives Verhalten weist durch die mangelnde affektive Besetzung auf eine Ausdünnung des emotional-interaktiven Involvements hin. Psycho-therapeutisch scheinen diese FM-Patientinnen aufgrund des Rentenbegehens schwer zugänglich zu sein, sodass erst eine gezielte Förderung der Therapiemotivation, welche z.B. mittels einer ambulanten und psychoedukativ-orientierten Gruppentherapie geschehen könnte, indiziert wäre. KW - Fibromyalgie KW - Chronischer Schmerz KW - Interaktion KW - Mimik KW - OPD KW - Gefühl KW - Psychosomatik KW - Interpersonale Kommunikation CY - Saarbrücken PB - Universitäts- und Landesbibliothek AD - Postfach 151141, 66041 Saarbrücken UR - http://scidok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2006/652 ER -