TY - MGZN T1 - Geschlechterrollen und Modernisierungserfahrung in Pirandellos "L';esclusa" T3 - Hrsg.: Klinkert, Thomas ; Rössner, Michael: Zentrum und Peripherie: Pirandello zwischen Sizilien, Italien und Europa = Centro e periferia. Pirandello tra Sicilia, Italia ed Europa. - Berlin : Erich Schmidt Verlag, 2006. - (Studienreihe ROMANIA ; 23), S. 137-160 A1 - Kleinert,Susanne Y1 - 2007/02/12 N2 - Zu den grundlegenden Aspekten von gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen zählt auch die Pluralisierung von Rollenvorgaben und Lebenswelten. Der italienische Nationalstaat betrieb mit der Entwicklung des Bildungswesens in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eine Modernisierungspolitik, die gleichzeitig mit der Eröffnung von Bildungschancen für breitere Teile der Bevölkerung auch den Frauen der Mittelschichten eine Möglichkeit der eheunabhängigen Versorgung bot. Durch diese neuen Realitäten wurden traditionelle Weiblichkeitsbilder in Frage gestellt, doch enthielt das neue weibliche Berufsbild gleichzeitig auch Restriktionen, die einen sehr deutlichen Unterschied der Geschlechter festhielten. Modernisierungs- und Emanzipationsdiskurse überschneiden sich daher nicht völlig. Pirandellos Figur der Marta Ajala in L';esclusa, die, von ihrem Ehemann verstoßen, Lehrerin wird, soll zunächst auf den Hintergrund des gesellschaftlichen und literarischen Diskurses über das Berufsbild der Lehrerin bezogen werden. Als literarischer Vergleichstext bietet sich Il romanzo della fanciulla von Matilde Serao an, die dem Umkreis des Verismus angehörte und mit ihrem Text für eine Verbesserung der finanziellen und rechtlichen Situation der jungen Lehrerinnen plädierte. Pirandello macht allerdings durch die Handlungsführung deutlich, dass die wirtschaftliche Selbständigkeit aufgrund der Moralklauseln des Casati-Gesetzes, das das Unterrichtswesen regelte, fragil bleibt. Marta gerät durch ihre Emanzipation nur in eine neue Falle. Dieses Handlungselement lässt sich als Zeichen dafür interpretieren, dass Pirandello die Widersprüche der damaligen Geschlechterpolitik bewusst waren. Auch in der Novelle "La maestrina Boccarmè" wird die Situation der Lehrerin als zerrissen von dem Widerspruch zwischen Berufs- und Geschlechterrolle dargestellt. Auffällig ist jedenfalls, dass Pirandello weibliche Geschlechtsidentität so konzipiert, dass sie weder in einem traditionalistischen, durch Konstrukte der Mannesehre geprägten "sizilianischen" Rahmen noch in der freien Verbindung mit dem "römischen" Repräsentanten des Nationalstaates für die Protagonistin zufriedenstellend gelebt werden kann. Der Aufsatz interpretiert die Ambivalenz von L';esclusa als ein Unterlaufen des Gegensatzes von Traditionalismus und Modernisierung. Pirandellos humoristische Perspektivierung erscheint dabei als eine Strategie, den konfliktuellen Charakter der Modernisierungserfahrung gleichzeitig zu unterstreichen und zu relativieren. Im Verhältnis zu Pirandellos Essay über den Feminismus zeigt der Roman eine größere Flexibilität, indem die Vielfalt der Perspektiven jede eindeutige Bewertung des männlichen Traditionalismus und der weiblichen Emanzipation unterläuft. KW - Pirandello, Luigi KW - Geschlechterrolle KW - Italianistik KW - Literaturwissenschaft CY - Saarbrücken PB - Universitäts- und Landesbibliothek SN - 3503079793 AD - Postfach 151141, 66041 Saarbrücken UR - http://scidok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2007/995 ER -