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Buch (Monographie) zugänglich unter
URN: urn:nbn:de:bsz:291-scidok-45563
URL: http://scidok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2012/4556/


Hexenverfolgung in Bayern : Volksmagie, Glaubenseifer und Staatsräson in der Frühen Neuzeit. - Studienausgabe

Behringer, Wolfgang

Quelle: (1988) München : Oldenbourg, 1988
pdf-Format:
Dokument 1.pdf (86.979 KB)

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SWD-Schlagwörter: Bayern , Hexenverfolgung , Geschichte
Institut: Fachrichtung 3.4 - Geschichte
DDC-Sachgruppe: Geschichte
Dokumentart: Buch (Monographie)
ISBN: 3-486-53902-7
Sprache: Deutsch
Erstellungsjahr: 1988
Publikationsdatum: 31.01.2012
Kurzfassung auf Deutsch: Hexenverfolgung in Bayern, gibt es da nicht bereits eine Darstellung, eine recht lesenswerte zudem? Sigmund Riezlers Geschichte der Hexenprozesse in Bayern von 1896 kann man tatsächlich heute noch zur Lektüre empfehlen, sie ist inzwischen zu einem Stück Literatur geworden wie Burckhardts Kultur der Renaissance in Italien" oder Huizingas Herbst des Mittelalters": Wissenschaftlich veraltet, aber wegen der locker ausgebreiteten Gelehrsamkeit und des kraft vollen Stils immer noch anregend. Welcher etablierte Historiker würde heute eine wissenschaftliche Darstellung mit einer antiklerikalen Polemik eröffnen, um dann, nach einer radikalen Kritik an seinen Zunftkollegen (Ranke!), zu einem Plädoyer gegen jeden kalten Ernst" der Darstellung und für ein auch das Gefühl zu Wort kommen lassen" zu gelangen. So zu tun, als habe man keine eigenen Ansichten, schreibt er, wäre Ziererei. Manches klingt hier recht modern und erinnert an Auseinandersetzungen der letzten Jahre. Die vorliegende Arbeit folgt dennoch nicht den Spuren Riezlers. Der Forschungsstand hat sich international sehr verändert, die Methoden haben sich vor allem in den letzten zwanzig Jahren verfeinert. Und nicht zuletzt haben sich unsere eigene historische Situation und dementsprechend unser Erkenntnisinteresse stark gewandelt. Riezler und die älteren Kulturhistoriker lebten in der Gewißheit, daß sich Greuel wie die der Hexenverfolgung auf deutschem Boden nicht wiederholen würden. Wenn wir heute in dieser Hinsicht mehr wissen, ist dies nicht unbedingt eine Errungenschaft, aber es verändert unseren Blickwinkel. Mit Macfarlane und den Ethnologen haben wir gelernt, die soziale Funktion von Hexereiverdächtigungen zu begreifen, und mit Midelfort haben wir gelernt, die zeitgenössischen Diskussionen sehr ernst zu nehmen. Überheblichkeit gegenüber uns fremden Denkweisen steht nicht mehr auf der Tagesordnung. Mein Eindruck heute ist, daß man es sich zu leicht macht, wenn man mit modernen Kriterien die Hexenthematik beurteilt. Es gibt doch sehr große Unterschiede in den Gesellschafts- und Denkstrukturen von damals und heute, die man in die Überlegungen einbeziehen muß. Daß Zauberei möglich war, gehörte zur Grundüberzeugung des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit. Wenn man aber Zauberei für möglich hielt, war es nur konsequent, daß man wenigstens ihren Mißbrauch unter Strafe stellte. Extrem schwierig war stets der Nachweis der Zauberei, denn im Gegensatz zu anderen Waffen" war sie immateriell und verborgen. Überdies war umstritten, auf welcher Grundlage Zauberei funktionierte und was letztlich alles damit bewirkt werden konnte. Hier stieß man an die Grenzen menschlicher Erkenntnis. Die heute obskur erscheinende dämonologische Literatur des 15.-17. Jahrhunderts fand daher weite Verbreitung. Nicht zufällig beschäftigten sich führende Köpfe der Zeit mit diesem Thema, auch solche, von denen wir es heute gar nicht mehr vermuten würden: Skeptische Philosophen wie Montaigne, Descartes, Althusius, Hobbes und Thomasius haben das Problem mitgedacht. Für die Bevölkerung, für die Juristen und Theologen, die Stadtmagistrate und Länderregierungen gehörten die Hexen" zu den Alltagsproblemen, allerdings zu jenen, bei denen es mit Routine nicht getan war. Menschenblueth ist nit Kälberblueth" betonte im 17. Jahrhundert ein Dillinger Jurist. Weil die Hexenthematik enorme theoretische und - wegen der Gefährlichkeit der Hexenverfolgung - praktische Probleme aufwarf, ist sie für die europäische Frühe Neuzeit von zentraler Bedeutung. Es kam dabei zu sehr harten weltanschaulichen Auseinandersetzungen, denn hier stießen drei wesentliche Strömungen der Frühen Neuzeit aufeinander: Die traditionelle magisch" geprägte Volkskultur, der neue fanatische reformreligiöse Glaubenseifer und die ebenfalls neue säkulare Rationalität in ihrer spezifisch frühneuzeitlichen Ausprägung, der Staatsräson. Der Kampf zwischen Ideologie und pragmatischer Vernunft, die Auseinandersetzung mit fremden Denkweisen, ist nicht neu. Manchmal können wir historische Parallelen erkennen. Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine vergleichende Regionalstudie. Die gewählte Region umfaßt das alte Herzogtum Bayern, das daran angrenzende Ostschwaben und südliche Teile des heutigen Mittelfranken und der Oberpfalz. Diese Region ließe sich auch als Südostdeutschland" definieren. Die regionalen Hexen flogen weder zum Blocksberg (Franken, Mitteldeutschland) noch zum Heuberg (Südwestdeutschland). Sie hießen auch nicht Hexen, Zauberer, oder wie in der nördlich angrenzenden Region Franken Tatten", sondern Unholden" Ihre Verfolgung begann spät, doch dann entwickelte Bayern die umfassendste Hexengesetzgebung Europas. Und noch in manch anderer Hinsicht nahm, wie gezeigt werden wird, die hier vorgestellte Region eine Sonderstellung ein. Wie könnte es auch anders sein?
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