Please use this identifier to cite or link to this item: doi:10.22028/D291-47639
Title: Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf akute Intoxikationen im Kindes- und Jugendalter: eine retrospektive Analyse (2018 – 2021) anhand des Patientenkollektivs der Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin am UKS in Homburg
Author(s): Schäfer, Daniel
Language: German
Year of Publication: 2026
Place of publication: Homburg/Saar
DDC notations: 610 Medicine and health
Publikation type: Dissertation
Abstract: Die über 2 Jahre anhaltende COVID-19-Pandemie stellte für die Gesellschaft eine bislang nicht gekannte Ausnahmesituation dar, die sich auf das psychische Wohlbefinden und die Gesundheit insbesondere von Kindern und Jugendlichen negativ auswirkte und in manchen Fällen auch zu selbstverletzendem Verhalten sowie Suizidversuchen geführt haben. Die aktuelle Arbeit untersucht die Auswirkungen der Pandemie auf die Anzahl und das Muster akuter Intoxikation anhand eines pädiatrischen Patientenkollektivs. Hierzu wurden retrospektiv die demografischen Parameter, psychiatrische Vorerkrankungen, Aufnahmedaten, relevante Intoxikationsumstände einschließlich suizidaler Absicht sowie die Notwendigkeit einer intensivmedizinischen und kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlung bei allen Kindern und Jugendlichen von 10 bis 17 Jahren analysiert, die nach einer nicht-akzidentellen akuten Intoxikation an den Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums des Saarlandes in Homburg stationär aufgenommen wurden. Die Infektionsschutzmaßnahmen während der Lockdownphasen der Coronapandemie führten zu Einschränkungen im Schulalltag und beim Kontakt zu Schulfreunden, da kein oder nur ein sehr eingeschränkter Schulbesuch möglich war. Um den besonderen Einfluss der Lockdownrestriktionen auf das Intoxikationsgeschehen bei Kindern und Jugendlichen zu untersuchen, wurde daher die Pandemie zusätzlich in (1) Phase während Lockdown vom 16.03.2020 bis 05.07.2020 und vom 16.12.2020 bis 30.05.2021, in der kein oder nur ein eingeschränkter Unterricht im Fern- oder Wechselmodus angeboten wurde, und (2) Phase nach Lockdown vom 06.07.2020 bis 15.12.2020 und vom 31.05.2021 und 31.12.2021, in der Schülerinnen und Schüler alle wieder regulär in Präsenz unterrichtet wurden, unterteilt. Diese Untersuchungszeiträume während und nach Lockdownphasen wurden denen der Vorpandemie gegenübergestellt. Mit Hilfe von Methoden der deskriptiven Statistik wurde geprüft, wie sich die stationären Aufnahmefälle nach akuter Intoxikation in der Pandemie und in den festgelegten Zeiträumen veränderte. Die Fallzahlen der eingeschlossenen Patienten zeigte während der Pandemie vom 16.03.2020 bis 31.12.2021 gegenüber dem entsprechenden Zeitraum der Vorpandemiejahre 2018 bis 2019 einen leichten Rückgang um -11,6 % (107 vs. 121 Fälle). Wir beobachteten zwischen Pandemie- und Vorpandemiepatienten keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich des Geschlechts, Alters, einer psychiatrischen Vorerkrankung sowie intensivmedizinischer oder psychiatrischer Behandlung. Jedoch hat sich die Aufnahmerate nach Intoxikation im Rahmen von Feiern, Partys oder Zusammenkünften signifikant um -53 % reduziert (p≤0,001) und nach Streit/Gewalt um +170 % (p≤0,05) erhöht, während andere Auslöser wie Traurigkeit (+101 %) oder Schulprobleme (+350 %) nicht signifikant angestiegen sind. Eine weitere signifikante Veränderung konnte wir bei den Hauptnoxen feststellen, dass weniger Alkohol (-21 %) und häufiger Medikamente (+62 %) eingenommen wurden. Im untersuchten Zeitraum während der Pandemie wurden signifikant mehr Intoxikationen in suizidaler Absicht angegeben als im Vergleichszeitraum der Vorpandemie (27 % vs. 13 %, p≤0,01). Fast alle 10 von 11 männlichen Intoxikationsfälle in suizidaler Absicht wurden in der Pandemie beobachtet, was einen besonders signifikanten Anstieg um +900 % bedeutete (p≤0,001). Auch bei Mädchen fanden wir eine nicht signifikante Zunahme um +27 % gegenüber der Vorpandemie (p≤0,22). Die detaillierte Analyse zeigte, dass sich im Besonderen die Lockdownphasen signifikant auf Aufnahmerate, Aufnahmetag und -uhrzeit, Hauptnoxen sowie Suizidversuche während der Pandemie auswirkten. So verzeichneten wir während der Lockdownphasen einen signifikanten Rückgang der Fallzahlen gegenüber nach den Lockdownphasen (-70 %, p≤0,001) und der Vorpandemie (-56 %, p≤0,001). In den Lockdownperioden wurden die Kinder eher tagsüber (p≤0,05) und an Schultagen (p≤0,05) stationär aufgenommen als im Vergleich nach der Lockdownphase. Auch die signifikanten Veränderungen, welche während der Pandemie bei der Rate der Alkohol- und Medikamentenintoxikationen sowie die Intoxikationen in suizidaler Absicht beobachtet wurden, konnten auf die Lockdownperioden eingegrenzt werden. Die Ergebnisse dieser Arbeit an der Universitätskinderklinik Homburg verdeutlichen, dass sich bei den stationären Aufnahmen von Kindern und Jugendlichen nach akuter Intoxikation während der Lockdownperioden die Fallzahlen signifikant verringerten, aber gleichzeitig auch ein bedenklicher Anstieg von Intoxikationen mit Medikamenten und in suizidaler Absicht insbesondere bei Jungen aufgetreten sind. Eine mögliche Erklärung für den Rückgang der Fallzahlen könnten die während der Lockdownphasen verhängten Ausgangssperren gewesen sein oder die Angst vor Ansteckungen mit SARS-CoV-2 in der Klinik. Die Verschiebung im Noxenprofil und bei den Suizidversuchen deuten auf mögliche geschlechtsspezifische Unterschiede in den psychosozialen Auswirkungen der Pandemie hin, welchen durch gezielte Präventionsangebote entgegengewirkt müssen.
The COVID-19 pandemic represented an unprecedented crisis for society, markedly impairing the psychological well-being and health of children and adolescents. In certain cases, these effects manifested as self-injurious behavior and suicide attempts. This study evaluates the pandemic’s influence on the incidence and pattern of acute intoxications in a pediatric cohort. We conducted a retrospective analysis of demographic variables, pre-existing psychiatric conditions, admission characteristics, contextual factors (including suicidal intent), and the necessity of intensive care or psychiatric treatment. The population comprised all patients aged 10–17 years who were admitted for non-accidental, acute intoxication to the Departments of Pediatrics and Adolescent Medicine at Saarland University Medical Center, Homburg. To explore the impact of lockdown measures, which had substantially restricted school attendance and peer contact, we divided the pandemic into two specific periods: (1) lockdown phases (16 March 2020–5 July 2020 and 16 December 2020–30 May 2021), characterized by profound disruption to schooling, including school closures and remote or hybrid teaching; and (2) post-lockdown phases (6 July 2020–15 December 2020 and 31 May 2021–31 December 2021), during which regular in-person schooling resumed. These intervals were contrasted with equivalent pre-pandemic periods. Descriptive statistical methods were employed to assess changes in inpatient admissions for acute intoxication over time. From 16 March 2020 to 31 December 2021, the total number of cases declined by 11,6 % compared with the pre-pandemic years of 2018–2019 (107 vs. 121 admissions). There were no statistically significant differences between pandemic and pre-pandemic cohorts in terms of sex, age, no documented psychiatric history, or the need for intensive or psychiatric care. However, admissions related to intoxication during social gatherings, such as parties decreased sharply by 53 % (p≤0.001) and conflict/violence increased by 170 % (p≤0.05). Although increases in triggers such as sadness (+101 %) and school-related problems (+350 %) were observed, they did not reach statistical significance. In terms of toxic agents, there was a significant shift: alcohol-related intoxications decreased by 21 %, while medication-related intoxication increased by 62 %. Suicidal intent was reported in a significantly greater proportion of cases during the pandemic compared to the pre-pandemic period (27 % vs. 13 %, p≤0.01). Nearly all male suicidal intoxications (10 out of 11) occurred during the pandemic, corresponding to a 900 % increase (p≤0.001), whereas among female patients, the increase (+27 %) did not reach significance (p≤0.22). Further analysis revealed that the observed alterations were particularly pronounced during the lockdown phases: case numbers dropped by 70 % compared to post-lockdown periods (p≤0.001) and by 56 % relative to the pre-pandemic baseline (p≤0.001). During lockdown, admissions typically occurred during daytime hours (p≤0.05) and on school days (p≤0.05), unlike in the post-lockdown intervals. The shifts in alcohol vs. medication intoxications, as well as in suicidal intent, were also concentrated during lockdown periods. These findings from the University Children’s Hospital in Homburg indicate a paradoxical phenomenon: although inpatient admissions for acute intoxications declined significantly during lockdown, there was a worrying rise in medication-related intoxications and suicidality, particularly among boys. Possible explanations for the overall decrease include stricter curfews and fear of SARS-CoV-2 exposure in healthcare settings. The shift in the profile of toxic agents and the increase in suicide attempts suggest potential gender-specific psychosocial vulnerability, highlighting the urgent need for tailored preventive measures.
Link to this record: urn:nbn:de:bsz:291--ds-476396
hdl:20.500.11880/41803
http://dx.doi.org/10.22028/D291-47639
Advisor: Zemlin, Michael
Date of oral examination: 29-Apr-2026
Date of registration: 8-May-2026
Faculty: M - Medizinische Fakultät
Department: M - Pädiatrie
Professorship: M - Prof. Dr. Michael Zemlin
Collections:SciDok - Der Wissenschaftsserver der Universität des Saarlandes

Files for this record:
File Description SizeFormat 
Dissertation Daniel Schäfer 2026 final Abgabe SciDok.pdfDissertationsschrift876,29 kBAdobe PDFView/Open


Items in SciDok are protected by copyright, with all rights reserved, unless otherwise indicated.